TELM

Publikation zum Lehrforschungsprojekt TELM (transdisciplinary explorations of living materials), 2026, Programm „Forschendes Lernen” der Hochschule Kaiserslautern
Carl-Zeiss Stiftung
Projekt Cyanobakterien als Baumeister
P2023-03-051

Mit Prof.Dipl.-Ing. Brigitte Al-Bosta Dr. rer.
Prof. Meisterschülerin Nora Mertes
Prof.Dr.-Ing. Carina Neff
Dr. Patrick Jung
Dipl.-Ing. Anja Höfler
Bernd Oswald, Werkstattleiter
Karl-Heinz Pritzl, Lehmbauexperte Otterberg
Antonio Winter-Schlaf, Schreinermeister

Textauszug: Nora Mertes und Dr. Helene Romakin
In der künstlerischen Forschung geht es nicht um Repräsentation. Es geht um Prozesse – genauer: um das Aushalten und Hervorbringen von Prozessen, die sich nicht sofort in Bedeutung überführen lassen.
Prozesshaftigkeit ist hier nicht Methode, sondern ein Zustand, der Denken und Arbeiten gleichermaßen durch-zieht und produktiv destabilisiert.
Eine solche Arbeitsweise verweigert sich der schnellen Formulierung von Ergebnissen. Sie unterläuft die Erwartung, dass produktive Arbeit ausschließlich auf Lösungen hinauslaufen muss. Gerade im Kontrast zu Disziplinen wie (Innen-) Architektur oder Ingenieurwissenschaften, in denen Problemlösung zentral ist, wird hier ein anderer Raum geöffnet: ein kritisches Dazwischen, in dem Struktur und Offenheit nicht aufgelöst, sondern gleichzeitig gehalten werden müssen, um sich transdisziplinäre Komplexitäten zu erschließen.
Dieses Offene entsteht nicht von selbst. Es braucht einen klar gesetzten Rahmen, um überhaupt wirksam werden zu können. Innerhalb eines stark definierten Bedeutungs- und Nutzungshorizonts wird ein temporärer Ausstieg möglich. Das Verstehen und Erarbeiten verschieben sich – sie werden situativ, vorläufig, gebunden an den Moment. Es geht nicht darum, Eindeutigkeit zu ersetzen, sondern sie punktuell auszusetzen. Offenheit bedeutet dabei nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil: Sie verlangt eine andere Form von Präzision. Eine, die sich nicht vorab festlegen lässt, sondern sich in der Unmittelbarkeit der körperlichen, sinnlichen und intellektuellen Erfahrung zeigt.
Der Moment wird zum entscheidenden Ort – zeitlich begrenzt, räumlich gefasst, und doch offen in seiner Wirkung. Materialität spielt dabei eine zentrale Rolle, nicht als Objekt, sondern als Widerstand, als etwas, das Verankerung ermöglicht.
Diese Praxis erfordert die Fähigkeit, zwischen Systemen zu wechseln, ohne sich in einem zu stabilisieren. Lineares, wissenschaftliches Denken verschwindet nicht – es bleibt präsent, wird aber unterlaufen, gebrochen, verschoben und durch andere Wissensformen ergänzt.
Es tritt in ein Verhältnis zu Formen des Denkens, die nicht auf Eindeutigkeit zielen, sondern auf Intensität, Unmittelbarkeit und Aufmerksamkeit.
Im institutionellen Kontext liegt genau darin ein Potenzial und ein Risiko. Der gesetzte Rahmen kann diese Praxis legitimieren – und zugleich neutralisieren. Deshalb darf sie nicht auf einen abgegrenzten Raum beschränkt bleiben. Sie muss sich in bestehende Strukturen einschreiben, sie durchziehen und verändern. Statt klarer Anfangs- und Endpunkte entstehen parallele Bewegungen, die sich überlagern, abbrechen, weiterführen.
Im Unterschied zu anwendungsorientierten Disziplinen eröffnet die Kunst hier einen Versuchsraum, der sich der Zwecklogik entzieht. Das Atelier (Der Exzenter) wird zum Ort, an dem Prozesse sichtbar und körperlich erfahrbar werden. Es geht nicht um die Darstellung von Ergebnissen, sondern um die Initiierung von Zuständen, um Erkenntnisgewinne zu erreichen.
Im Rahmen des TELM wurde in der Forschungslehre von Nora Mertes mit einer Sammlung aus Zeichnungen, Videos, Fotografien, Sound-Aufnahmen und Materialproben gearbeitet. Diese fungierten nicht als nachgelagerte Dokumentation, sondern als operative Elemente eines künstlerischen Denkens, das Erkenntnis im Prozess selbst hervorbringt.
Bilddenken: Das visuelle Ordnen, Überlagern und Collagieren der Materialien diente nicht der Dar-stellung bereits vorhandener Zusammenhänge, sondern deren Hervorbringung. In der Verschaltung heterogener Bild- und Datenformen entstanden Relationen, die sich analytischen Zugriffen entziehen. Sichtbar wurden dabei nicht nur manifeste Verbindungen, sondern insbesondere latente Strukturen, Brüche und Verschiebungen, die im linearen Zugriff unsichtbar bleiben.
Raumdenken: Der physische Raum trat nicht als neutraler Träger auf, sondern als aktives Medium der Erkenntnis. Durch die Anordnung und Konstellation von der Sammlung entstand eine räumliche Logik. Proportionen, Distanzen und Materialitäten wurden nicht repräsentiert, sondern in ihrer Wirksamkeit erfahrbar gemacht. Auf diese Weise verschiebt sich Analyse von einer rein visuellen oder abstrakten Ebene hin zu einer situierten, leiblich gebundenen Form des Verstehens, in der Relationen nicht nur erkannt, sondern vollzogen werden.
Ziel der künstlerischen Forschung im Kontext der Wissenschaften ist es auch, die Studierenden eindeutiger als Akteur:innen einer forschenden Praxis zu begreifen. In der Verschränkung von präziser Beobachtung und spekulativem Experiment entstehen so neue Forschungsformate und pädagogische Räume, in denen die Überschreitung disziplinärer Grenzen zur notwendigen Kompetenz wird, um die komplexen Fragen unserer Zeit funktional, ästhetisch und kritisch zu beantworten.

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